Zeitgeschichte


 

Ernst Klee, "Auschwitz. Die NS-Medizin und ihre Opfer". Frankfurt a.Main , S. Fischer-Verlag 1997

In: Zeitschrift für medizinische Ehtik. 44. Jahrgang 1998

Heft 1, S. 78-80.

 

 

Medizin gegen Menschen

 

Das hier zu besprechende Buch gehört zu denen, die man nicht aus der Hand legt, bevor man sie betroffen und beschämt, beklommen und mit wachsendem Zorn zuende gelesen hat. Betroffen und beschämt, weil, auch wer sich für gut informiert hielt, hier so viel erfährt, von dem er noch nichts gewußt hat; mit wachsendem Zorn, weil er liest, wie viele der hier Entlarvten nach dem Krieg bis in die jüngste Vergangenheit hinein wieder zu höchsten Ehren gekommen sind; und beklommen, weil man anhand der Lektüre begreift – und das ist die eigentliche Botschaft dieses Buches - , daß die Welt nicht so ist, daß uns die Gefahren, die dieses Buch beschwört, nicht heute noch jeden Tag wieder einholen könnten.

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Auschwitz liefert das Titelstichwort, wird aber nicht isoliert, sondern als Inbegriff all jeder Orte behandelt, an denen im Namen der uneingeschränkten Forschung Menschen gefoltert und zu Tode gebracht wurden. Denn der Hauptgrundsatz der NS-Medizin und ihr eigentliches geistiges Grundübel war, so Klee: „Forscher dürfen alles.“ Die medizinische Forschung sämtlicher Wissenschaftsbereiche (Universität, Forschungsinstitute, Pharmaindustrie) ergriff die weltweit einmalige Chance, „statt Meerschweinchen, Laborratten und Versuchskaninchen … Menschen massenhaft zu Versuchszwecken zu benutzen.“ „Ihr Verbrauch für die Forschung wird als nützlich für die Gesundheit kommender Generationen gerechtfertigt.“ Das Personenregister des Buches liest sich wie ein „Who is Who“ der deutschen Medizin-Elite, bestürzenderweise auch der noch gegenwärtigen, denn viele der „jungen Gelehrten, die mit fast fanatischem Eifer gänzlich uneigennützig ihrem Forschertrieb folgten,“ begannen ihre Karriere erst nach 1945: z.B. Hans Sachs (SS-Hauptsturmführer und leitender Pathologe beim Reichsarzt SS) als Prof. für Gerichtsmedizin an der Universität Münster; Egon Freiherr von Eickstedt (Autor von „Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit“) als Ordinarius für Anthropologie in Mainz. Hans Nachtsheim (Unterdruck-Versuche mit Kindern) wird 1955 das große Bundesverdienstkreuz verliehen, 1958 wird er Mitglied des Bundesgesundheitsrates; Hygieniker Hermann Eyer wird Ordinarius für Hygiene in Bonn und später in München sowie Direktor des angesehenen Max v. Pettenkofer-Institutes und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie. Die an Menschen gewonnenen Forschungsergebnisse werden ab 1945 in Standardwerken der Allgemeinheit bzw. dem medizinischen Nachwuchs zugänglich gemacht. Georg Schaltenbrand (ab 1953 Vorsitzender des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft), der Patienten mit Multipler Sklerose infizierte, indem er ihnen Rückenmarksflüssigkeit von MS-Kranken Affen einimpfte, verfaßt 1951 sein Standardwerk „Neurologie. Die Nervenkrankheiten.“Rassehygieniker Otmar Freiherr von Verschuer schreibt die „Genetik des Menschen“ (1954). Lothar Löffler, ehemals Rassenbiologe, später Mitglied der Deutschen Atomkommission, verfaßt den Artikel „Euthanasie“ ausgerechnet für die theologische Enzyklopädie „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (RGG). Heinrich Berning, der die Hungerwassersucht an russischen Kriegsgefangenen erforschte, veröffentlicht 1949 sein Standardwerk „Die Dystrophie“. Kurt Gutzeit, unter dessen Leitung die Übertragungsversuche von Hepatitis von Mensch zu Mensch erfolgreich durchgeführt wurden, gibt zusammen mit Heinrich Teitge (SS-Arzt) 1954 das Lehrbuch „die Gastroskopie“ heraus. Die Menschenversuche und die aus ihnen gewonnenen Ergebnisse waren in fachärztlichen Kreisen durchaus bekannt. Auf insgesamt fünf Arbeitstagungen (bis Anfang 1945) der „Beratenden Ärzte“ des Heeres-Sanitätsinspekteurs wurde offen darüber referiert und diskutiert. Anwesend waren Chirurgen, Dermatologen, Hygieniker, Internisten, Psychiater, Pathologen, Pharmakologen, HNO-Ärzte, Ophthalmologen, Röntgenologen, Lungenspezialisten. „Die Mediziner erfahren, daß Versuchspersonen zu Tode gebracht wurden. Keiner protestiert laut, keiner tritt aus Protest aus seinem Amt zurück“. „Von den Koryphäen des Ärztestandes“ wird „jegliche ärztliche Ethik verraten. Das erklärt, warum nach 1945 keinerlei Interesse besteht, Medizinverbrechen von bis dahin unbekanntem Ausmaß aufzuklären.“ Die Nobelpreisträger für Chemie Richard Kuhn und Adolf Butenandt, unter dessen Direktorat Unterdruck-Versuche mit Kindern gemacht wurden, werden Ehrensenator bzw. Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft. Aber es gibt auch internationale Karrieren von NS-Medizinern. Den Luftfahrtmediziner Hubertus Strughold, der an Höhentod-Versuchen beteiligt war, verschlägt es in die USA, wo er zum „Vater der Weltraummedizin“ avanciert. „Versuchskaninchen“ sind Juden und Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, politische Häftlinge, Zigeuner und Zwillinge, Männer, Frauen, Kinder, lebende Embryonen. Erforscht werden Impfstoffe gegen Malaria, Tbc, Hepatitis, Fleckfieber, wobei die Versuchsopfer vorher mit den entsprechenden Krankheitserregern „geimpft“ wurden. Oft betrug die Todesrate 100%. Die Prophylaxe, das Lieblingskind der braunen Mediziner, tobte sich als Malariaprophylaxe, Gasprophylaxe, Thyphus- und Fleckfieberprophylaxe und Erbgesundheitsprophylaxe aus. Gerhard Wagner, der erste deutsche Reichsärzteführer 1933: „Unser Ideal … ist der deutsche Volksarzt … der aus seinen rassehygienischen Kenntnissen heraus über dem einzelnen Menschen niemals das Volksganze vergessen wird. Diesem Arzt ist das Vorbeugen wichtiger als das Heilen.“ Wer überlebte, wurde vergast, „abgespritzt“ (durch Phenolspritze ins Herz) oder erschossen. Erforscht wurden Höhentod (Erstickung in der Unterdruckkammer) und Kältetod (Herztod im Eiswasser), Tod durch Giftgase oder Mangelernährung. In Massen wird verstümmelt und gebrannt, sterilisiert, viviseziert und getötet – eine „Orgie verbrauchender Forschung.“ Wer nicht infolge der Versuche stirbt und danach auch nicht ermordet wird, bleibt lebenslang geschädigt oder wird wahnsinnig. „Die Leiden der Opfer dieser Versuche übersteigen das Vorstellungsvermögen,“ stellt Jahrzehnte später das Münchner Landgericht fest. Trotzdem: Nur wenige werden zur Rechenschaft gezogen. Nur wenige bekennen sich schuldig, indem sie sich selber richten. Die meisten bereuten und bereuen nichts. Eduard Wirths, KZ-Arzt in Dachau und für seine Krebsversuche berüchtigt, schreibt im Mai 1945 aus der britischen Haft an seine Frau: „Ach, es ist eine so unsagbare schwere Zeit … zumal wir uns mit dem besten Gewissen vor unserem Herrgott und vor den Mensch en verantworten können … Was nur habe ich verbrochen? Ich weiß es wirklich nicht.“ Finanziert wurden die Menschenversuche damals u.a. von verschiedenen Pharmakonzernen und in besonderem Maße von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, deren NS-Vergangenheit Klee ein ganzes Kapitel widmet. Er resümiert: „Auschwitz war die Hölle für die Häftlinge und der Himmel für die Forschung, die sich hemmungslos des „Menschenmaterials“ bediente.“

 

© by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Trier, 1998.

 

Ostpreußen. Ein Abschied.

Ludwig S. aus Seegutten, Ostpreußen

       Januar 1946.

 

 

Flucht aus der Heimat!

 

Am Dienstag, dem 23. Januar 1945 abends 17 Uhr verliessen wir mit dem vorletzten Militärtransportzüge bei strenger Kälte auf offenen Loren Seegutten.  Wir sollten nach Vorpommern evakuiert werden. Schließlich wollte uns die Wehrmacht wenigstens hinter die Weichsel nach Dirschau bringen. Um 24 Uhr nachts, an Mittwoch den 24. Januar wurden wir in Heilsberg ausgeladen.

Die Wehrmacht kam in Wormitt zum Einsatz. Um 18 Uhr hatten die Russen nämlich Elbing eingenommen, und somit Ostpreussen endgültig vom Reich abgeschlossen. Unser Gepäck (7 Ztr., die wertvollste und beste Habe, Kleider, Wäsche, Lebensmittel) blieb auf dem Bahnsteig liegen. Wir suchten in der Stadt eine Bleibe.

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Als die russischen Panzer bereits in die Stadt Heilsberg eingedrungen waren und der Bahnhof unter dem schweren Feuer der russischen Artl. Lag, verliessen wir 4 (meine Frau, die Schwägerin Aug. K., die 81 -jährige Oma K. und ich) in der frühen Morgendämmerung, jeder mit einer Aktentasche am Mittwoch den 31. Januar mit dem letzten Eisenbahnerbergungszug in wilder Hast Heilsberg. Am Freitag, dem 2. Februar vormittags ereilte uns im Flüchtlingszuge in Henrikau, bei Mehlsack, Ostpr. unser Schicksal. Russ. Tiefflieger, eine Bombe neben unserem Wagen, 20 Tote, 70 Schwerverletzte. Mutti Splitter in die Lunge. Mir rechte Wade ganz abgerissen, linkes Bein drei Splitter, an linker Hand halber Zeigefinger weg. Mittelfinger zerschmettert. Tante Augustchen und Oma dageblieben. Mutti und ich mit dem Wehrmachts-Verwundetentransporten. Sieben Tage lang ohne Speise und Trank mit Panjewagen, LKW.s, in Güterwagen bei schneidender Kälte über das brechende Eis des Frischen Haffs, auf der Nehrung, quer durch das Weichseldelta im grausi-schrecklichen Flüchtlingsstrom unter dauernder Bedrohung durch Tiefflieger. Dirschau! Über der Weichsel drüben! In die aufkeimende Hoffnung hinein die Nachricht: die Russen Arnswalde, Stargard, den pommerschen Kessel vor. Lasset alle Hoffnung fahren! Stolp ausgeladen. Muttis Verwundung lebensgefährlich. Sie findet Aufnahme im Städtischen Krankenhaus. Ich abgeschoben in ein Flüchtlings-Hilfslazarett, Wusseken, Arbeitsdienst-Lager. In meiner Barake34 Personen. Männer, Frauen, Kinder, Russen, Franzosen, Letten Litauer, Tschechen, Polen, auch Deutsche. Typhus, Flecktyphus, Diphtherie, Tuberkulose, Flüchtlinge mit den grässlichsten Erfrierungen, Läuse, Krätze. Keine Medikamente, keine Instrumente, größter Mangel an Lebensmitteln! Jeden Tag wird ein langer Leiterwagen der Kreppierten in eine Grube herausgefahren. Doch darüber wird kein gerechter „Welt-Gerichtshof“ aburteilen. Am 24. Februar noch höre ich durch meine Fieberphantasien hindurch aus dem Lautsprecher der Nachbarbaracke Adolf Hitlers markige Stimme: „Ich übernehme jede (!!!) Verantwortung!“ Pommern ist bei Kolberg abgeschnitten, Stolp eingenommen. Man bringt einen Teil von uns am 7. März nach dem Schloss Poblotz (Pobiotz?), 40 km östlich Stolp. Etwa 150 Kranke bleiben zurück, werden von Schwester und Ärzten verlassen, verkommen elendig. Uns versucht man nach Danzig aufs Schiff zu bringen. Doch wir kommen gerade aus dem Park auf die Chaussee, da sind die Russen da! Wir geraten ins Gefecht. Das Begleitpersonal flieht. Wir 40 Schwerkranken, die man alle auf Tragbahren zu dem L.K.W. gebracht hatte, wir wälzen uns kriechend auf allen Vieren zurück die 300 km zum Krankenhaus. Dann folgen die grausigsten Stunden und Tage des ersten feindlichen Ansturmes. Keine Goebbels-Propagandaplatte wäre realistisch genug sie zu schildern. Eine Bestie in Menschengestalt stürmt in unseren Krankensaal und erledigt durch 3 Schüsse aus der Maschinenpistole meinen Nachbarn, einen 19-jährigen schwerverletzten Soldaten. Unsere Rettung ist es nur, dass ein Pole und ich ihm auf polnisch klar zu machen suchen, wir wären Polen, Masuren, Kaschuben. Uhren, Schmuck, alles wurde geraubt. Die Soldateska überschwemmt tagelang das Krankenhaus. Medikamente, Instrumente, Lebensmittel, alles wird verwüstet, zerstört! Arzt, Krankenschwester, Pflegepersonal, alles ist geflohen. Wir scheinen rettungslos verloren zu sein. Da rettet uns alle das heldenmütige Verhalten der 21-jährigen Krankenschwester Jutta Temme. Sie kommt zurück, organisiert den Betrieb, verhandelt mit einem russ. General. Es finden sich bald ein Arzt, eine Aertzin, Krankenschwestern, Pflegepersonal ein. Im Krankenhaus ist es doch schliesslich sicherer als draussen. Da rast die Kriegsfurie! In einem Nachbardorf, wo ein Gefecht gegen unseren Volkssturm war, verloren an 200 Zivilisten das Leben, in einem anderen wählen 80 den Freitod. Vergewaltigen an bis zu 19 mal an Frauen, 14-jährigen Mädchen, Greisinnen 1 verso von über 60 Jahren. Allmählich beruhigt sichs etwas. Da setzen ansteckende Krankheiten ein. In meinem Saal sterben in einem Monat von 14 Männern 8 an Typhus und Flecktyphus. Da ziehe ich mit meinem Freund Henning, einem Diplom-Landwirtschaftslehrer aus Elbing in eine Bodenkammer. Der Hunger ist schrecklich. Jeden Tag nur eine Schnitte Brot, etwa 50 gr. Kleiesuppe, Pellkartoffeln. Ich nehme rund 60 Pfund ab. Wiege nur 120 Pfund, in Kleidern. Sobald mein Bein halbwegs zuheilt mache ich mich auf den Weg, meine Angehörigen zu suchen. Wo Mutti geblieben ist, weiß ich nicht, Ende Febr. hatte ich jedoch noch aus Friedland Mecklbg. einen Brief bekommen, daß sich Tante Augustchen doch noch durchgeschlagen, nachdem sie die Oma K. in Köslin begraben hatte. Frieda war am Leben.- Also nach Friedland Mecklg. Zu meinem Bruder Adolf (Lehrer). Als ich am 6. August Pom. verliess, war es von Russen und später von Polen vollständig ausgeplündert. Da hatte kein Bauer ein Pferd, oder ein Rind, ein Schwein, ein Huhn, ein Ztr. Roggen, eine Maschine. Es drohte todsicher das Hungergespenst. Auf fast allen Bauerngehöften sassen schon Polen. Stolp war eine fast rein polnische Stadt. Als ich dort auf dem schwarzen Markt den Rest meiner Habe veräusserte, um die 190 Sloty Reisegeld zusammen zu bekommen, da werde ich von den Polen beschimpft, mißhandelt. Schließlich von 2 besoffenen Russen verhaftet, mit Revolvern bedroht und kam nur mit dem Leben davon, weil ein anständiger, junger russ. Offizier mich befreite. Die Fahrt von Stolp nach Seune, 5 km. Westlich der Oder war schauerlich. Wir wurden annähernd 80 Personen in einen Viehwagen gestopft, und die Nacht über vollständig ausgeraubt. Eine Räuberbande löste die andere ab. Russen, Zivilpolen, polnisches Militär, Polizei, Bahnbeamte. Wenn 6 solche bewaffneten Banditen unseren Wagen überfielen, da schrie alles wie die zu Tode gequälte Kreatur: „Hilfe, Rettung!“ Das klang grässlich im Dunkel der Nacht. Die Banditen schossen, schlugen Kinder, vergewaltigten Frauen, zogen uns aus. Ich behielt nur Hose und Hemd an. Es bemächtigte sich meiner eine wehmütige Trauer. Das habe ich ja immer verhindern wollen, damals 1932. Ich der rote Hund, das sozialdemokratisch Schwein. Dann dachte ich an Trumanns herrliche Anpreisung der Demokratie: „Wir haben der Welt wieder die Freiheit gegeben und die Achtung vor der Menschenwürde.“ Am Sonntag, den 12. August lange ich am Vormittag im strömenden Regen in Friedland in Mecklg an in der freudigen Erwartung, auch Mutti dort anzutreffen, meine Lieben wieder zu sehen. Eine niederschmetternde Feststellung! Die Stadt fast völlig zertrümmert. In der Wohnung meines Bruders fremde Menschen. Er und seine Frau haben sich beim Nahen des Russen in einem Walde aufgehängt. Bin dem Zusammenbruch nahe. Doch die Nachricht, daß Mutti und Tante Aug. wohl in Neumünster sein werden, spornt mich zur Weiterreise an. Mit dem Russenzuge bis Bad Kleinen, dann unter großer Gefahr in einem russ. Beutezug heimlich versteckt bis Schönberg, 25 km vor der Grenze der englischen Zone. Am 14. August wage ich den damals so gefährlichen Übergang über die Russengrenze. Werde von der G.P.U gefaßt, soll nach lange, qualvollen Verhören vom Kommissar als deutscher Spion erschossen werden. Alles scheint verloren zu sein. Alle Strapazen, alle Entbehrungen umsonst! So kurz vor dem Ziele, 6 km vor Lübeck. Ich bin der Verzweiflung nahe. Doch die Seele asiatischer Steppenmenschen ist unberechenbar. Nachdem er sich an meiner Qual geweidet hat, bringt er mich selbst zur Grenze und gibt mir einen Rat, wie ich durch die engl. Postenkette komme. Ich bin in Lübeck. Eine mir fremde, glückliche Welt!

 

Blatt 2

 

Pulsierendes Leben auf den Straßen. Die engl. Soldaten wie gute Bekannte, keine Bestien des Urwaldes, die einen dauernd den Revolver im Genick ansetzen. In den Schaufenstern Brot, herrliches Weissbrot, ach, soviel Brot, ein Schlaraffenland! Bewachsen, dreckig, das Bein stark angeschwollen, eiternd, blau angelaufen, mit wunden Füssen lande ich im Bunker „Engelgrab“ in der Herberge für Heimatlose, auf dem harten, kalten Zementboden. Der Strom meines aufgeregten Blutes pulst nur die eine Glücksmelodie: „Den Klauen der G.P.U. entronnen.“ Dann kommt der Höhepunkt des Erlebens, das Wiedersehen mit meinen Lieben in Neumünster, Färberstraße 53, die von Ende Febr. nichts von mir wußten. Und als ich erst erfahre, dass auch Friedel da ist, da verlassen mich meine Nerven. Das ist zuviel Glück auf einmal. Trotz meiner wunden Beine such ich ihn noch an demselben Tage in Tungendorf, 4 km von Neumünster auf. Friedel ist vom 3. Juni schon hier und als Knecht bei einem Bauer B. auf einem richtigen Nieder-Sachsenhof von 300 Morgen und 25 Kühen. Er hat es nicht leicht. Um 4 Uhr aufstehen, 6 Kühe melken, die übliche Bauernarbeit anschließend. Doch ich bin froh, dass er mit allem so gut fertig wird, nie über etwas geklagt im Gegenteil noch seine Mutter immer aufgerichtet hat. Und die hatte es auch sehr nötig. Im letzten Augenblick war sie am 5. März vor den Russen über Danzig per Schiff nach Dänemark und von dort nach Holstein gekommen. Sie hat noch immer einen Splitter 3x2x1 cm in der Lunge. Trotz aller Beschwerden näht sie für Fremde. Tane Aug. strickt Pullover. So haben sich die Frauen schlicht und recht durchgeschlagen. --- Als ich nun erst gebadet, in sauberer Wäsche, in einem weissbezogenen Bett, in einem herrlich eingerichteten Zimmer der Villa Lohrs schlafe, da fühle ich mich in einem Märchenland. Als wir in Poblotz hungerten, da war der Traum meiner Sehnsucht: „Wenn du noch mal unter gesittete Menschen kommst, dann kaufst du dir ein ganzes Brot, siehst es dir stundenlang an, und ißt es dann auf einmal auf. Doch Sehnsucht ist schöner als Erfüllung. Jetzt, wo ich es haben könnte, war es doch nicht möglich. Mein Magen versagte wochenlang vollständig. --- Es kam bald die zermürbende Sorge der ungewissen Zukunft. Seit 1. Febr. kein Gehalt. Keine Aussicht auf Anstellung. Lange keine Nachricht von meinen und Muttis Geschwistern. Endlich Anfang Nov. Die erste Nachricht aus Werder. Meine Geschwister leben. Doch die Schwester in Zossen vollständig ausgebrannt. Der Schwager Sch. in einem russ. Lager. Alle unsere Sachen in Werden und Zossen sind auch fort. Muttis Geschwister leben auch. Schwager Fritz K. arbeite noch bei den Russen in Drigelsdorf, Ostpreussen. Doch die anderen sind aus Ostpr. ausgewiesen und mit dem Opa K. in einem Flüchtlingslager in Berlin. Am 16. Juni war Schwager Gustv K. noch in unserer Wohnung in Seegutten. Da waren noch fast alle Bücher und fast alle unserer Möbel da. Im Dorfe wohnten noch über 200 Menschen. Darunter auch Frau J. mit den Kindern. Am 18 Oktober wurden alle Deutschen durch die Polen aus Seegutten ausgewiesen. Viele Seegutter haben sich schon hier bei mir gemeldet. Sie kommen einem wie liebe Verwandte vor. Wir sind eine schicksalsgebundene Einheit, das in alle Winde verschlagene Volk von der Grenze, das zertrümmerte, ach so wundervolle ostpr. Volk. Mich wundert es gar nicht einmal, wie wenig Verständnis man uns hier entgegenbringt. Um die tiefe Schwere unseres Schicksals zu ermessen, müsste man selbst durch ein ähnliches Leid hindurchgegangen sein. Die hören auf unser Erzählen ja kaum mit halbem Ohre hin. Das stört ihr sattes Wohlbehagen. Das Wissen um das Elend anderer ist ihnen lästig. – Nicht der Verlust meiner geliebten Bücher, des blühenden Gärtchens, des Anblicks der wundervollen Spirdings, des Erlebens der Unendlichkeit unserer einsamen Wälder schmerzt mich am Tiefsten, sondern der Heimat als Ganzes als Wesenseinheit von Natur, Mensch und darin am tiefsten waltenden Weltseele. 2 verso Die Heimat als Wirklichkeitsform von uns selbst. Davon bleibt uns nur die matte Erinnerung. Wir sind für den Rest unseres kümmerlichen Daseins Menschen ohne Schatten. Peter Schlemihl! Jeder Mensch braucht sein eigenes Golgatha, um ein Mensch zu werden. Nur das Leiden führt zur wahren Menschenwerdung. Darum möchte ich die düsteren Leidensstunden des Jahres 1945 nicht missen. Wen sollte ich auch deswegen hassen oder verfluchen? Ich habe früher niemand und nichts in gedankenloser Inbrunst angebetet. Ich will auch jetzt auf niemand die Last der Verantwortung abwerfen. Jedenfalls wollte die Edlen der Nation das Beste für unseres Volkes Zukunft. Doch ein gährende Zeit schafft auch viel grässlichen Abschaum.es war unser letzter versuch, unserem Volke endlich die ihm gebührende Stellung in der Welt zu erringen. Es ist mißlungen. Allvater hat in seinem weisen Ratschluß gegen uns entschieden. Er allein weiss um den letzten Sinn unseres schweren Schicksals. –- Lassen wir uns nicht irre machen von dem wüsten Gekläff der losgelassenen Meute. Unser fester Glaube sei: „Unser Volk wird leben.“ --- „Ich komme weiter. Ich bin alles losgeworden,“ sprach Yen-Hui. – „Alles losgeworden!“ sagte Kung-Fu-Tse ergriffen. „Was meinst du damit?“ – „Ich habe mich von meinem Körper freigemacht,“ antwortete Yen-Hui. „Ich habe meine Gedanken entlassen. Da ich so Leibes und Geistes ledig wurde, bin ich eins mit dem Alldurchdringenden geworden. Dies ist es, was ich damit meine, dass ich alles losgeworden bin.“ Neumünster, 1. Januar 1946,gez. Ludwig S. Quelle: Privates Familienarchiv. Abschrift von Dagmar Braunschweig-Pauli M.A. des vierseitigen Fluchtberichtes von Ludwig S. aus Seegutten, Ostpreußen, vom 1. Januar 1946, den Ludwig S. mit der Schreibmaschine auf zwei hauchdünnen Blättern Durchschlagpapier beidseitig und durchgehend ohne Absätze geschrieben und an Freunde und Verwandte geschickt hat.

 

Copyrigth by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Bonn, 30.11.1982.

„Der heilige Zorn des „schrecklichen Mädchens."

 

„Der heilige Zorn des „schrecklichen Mädchens.“

 

Rezension von Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., September/Oktober 1999.

 

Wenn man sich durch Mut und Menschlichkeit, durch Wahrheitsliebe und Zivilcourage den Beinamen „schreckliches Mädchen“ verdient, so wäre zu wünschen, daß die Welt voller „schrecklicher Mädchen“ wäre wie Anna Elisabeth Rosmus aus Passau. Ihre zutiefst christliche Großmutter hatte gesagt: „Hinschauen, wenn anderen etwas wehtut, wir haben die Augen zum Sehen! Sprechen, wenn anderen Unrecht geschieht, wir haben den Mund zum Reden!“

 

Als ihre Enkelin Anna beginnt, ihren Lebenslauf auf diese, wie sie sagt, „minimale Zivilcourage“ aufzubauen, merkt sie schnell, wie eng die Grenzen der Wahrheit gesteckt sind, wenn man sich mit der Wahrheit über die Nazizeit befaßt.

 

Denn es gibt „Seilschaften“, die die furchtbare Vergangenheit mit der – vorgeblich demokratischen – Gegenwart verbinden: Anna Rosmus wird beschattet, ihr Telefon wird abgehört, ihre Post wird gesammelt und nicht zugestellt. Als sie nach mehreren Eingaben an den damaligen Bundespostminister Schwarz-Schilling endlich fast vollständig ihre Post erhält, „hatten alle Briefe einen sehr eigenartigen Stempel, den die Bundespost zumindest offiziell nicht hatte: ohne jegliches Datum.“

 

Diese postalischen Merkwürdigkeiten hörten übrigens erst auf, als Anna Rosmus nach Amerika übergesiedelt war. Bis dahin gehörten auch Schmähbriefe, anonyme Anrufe und Morddrohungen genauso zu ihrem Alltag wie das Beschimpft – und Bespucktwerden beim Einkaufen.

 

Ausgelöst waren alle diese Erlebnisse durch Rosmus bereits 1983 erschienenes Buch „Widerstand und Verfolgung am Beispiel Passau 1933 – 1939“, für das sie den renommierten „Geschwister-Scholl-Preis“ erhielt, der damit zum ersten Mal an eine Frau ging. Das preisgekrönte Buch enthielt im Anhang eine Tabelle mit den Namen all derjenigen, die schon 1923 NSDAP-Mitglieder der Ortsgruppe Passau waren: „Und das waren schon recht viele.“

 

Als „Gleichnis eines Einzelwesens, das gegenüber einer Institution nicht klein beigibt“ wurde Anna Rosmus Geschichte 1990 unter der Regie von Michael Verhoeven verfilmt. Der Titel des Films lautete: „Das schreckliche Mädchen.“

 

Anna Rosmus erging es wie dem Propheten im eigenen Land: Die heimatliche Presse ignorierte entweder die Auszeichnung oder gab ungnädige Kommentare ab. Sie sei „verblendet von Lob und Anerkennung von der falschen Seite“ (Passauer Bistumsblatt), und „Bei dieser Preisverleihung, so scheint es,  wurden cum ira et studio (mit Zorn und Eifer) Ressentiments prämiert, eine mit Zivilcourage verwechselte Ignoranz“ (Altöttinger Liebfrauenbote).

 

Von diesen Reaktionen und davon, wie schwer man ihr die Recherchen für die Veröffentlichung machte, berichtet die Autorin nun in ihrer gerade im Herder-Verlag erschienenen Dokumentation „Out of Passau.“

 

„Der Leiter des bischöflichen Archivs, Prof. Dr. August Leidl, versperrte mir mit ständig wechselnden Begründungen den Zugang.“

Der städtische Rechtsrat Joseph Gevatter und einige andere städtische Angestellte trieben mit mir tatsächlich ein regelrechtes Katz - und Maus-Spiel.“

Im Stadtarchiv waren Akten nicht auffindbar, Dokumente über die Judenverfolgung waren verschwunden.

 

Die Neuerscheinung ihres jüngsten Buches wurde, man erwartet es nicht anders, wieder von Hindernissen begleitet. Rezensenten, die „Out of Passau“ zur Besprechung bestellten,  ging kurz vor Erscheinen des Werkes folgende Presse-Information des Verlages zu: „Richtigstellung in Sachen „schreckliches Mädchen.“ Entgegen anders lautenden Meinungen ist das Buch aus dem Verlag Herder „Out of Passau“ der Autorin Anna E. Rosmus nicht Gegenstand von Prozessen und ab sofort erhältlich.“ Aber es war nicht überall zu bekommen. Der Verlag teilte mit: „Am 22. März 1999, am Tag der Auslieferung, verweigerten einige Münchner Buchhandlungen den Verkauf des Buches. Begründung aus München: Es hängen zu viele Prozesse an diesem Buch – wir dürfen es nicht verkaufen.“

 

Wer es liest, der ist erschüttert darüber, dass es bei uns immer noch dokumentierbare nationalsozialistische Arretierungen dieses Hartnäckigkeitsgrades gibt, und er ist geneigt, Elie Wiesel zuzustimmen, der in seinem autobiographischen Bericht über seine Zeit im KZ „Die Nacht“ schreibt: „Das Vergessen ist in Deutschland eine Staatsphilosophie.“

 

Mit einem „heiligen Zorn“, wie sie ihre Motivation in einem Interview selbst bezeichnet hat, kämpft Anna E. Rosmus gegen dieses Vergessen an. Sie nennt die Opfer und ihre Leiden, sie nennt die Täter und die Menschen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens den Verfolgten halfen.

Vertrauen zu bilden, ist ihr Ziel, und „Brücken zu bauen für eine bessere Zukunft.“

Anna Elisabeth Rosmus: Out of Passau. Von einer die auszog, die Heimat zu finden. Herder-Spektrum 1999, 288 S., DM 38,-, ISBN¨3-451-26756-X.

 

©by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A. in: Trigonal, Oktober 1999; erstveröffentlicht in: „Fränkischer Sonntag, Magazin zum Wochenende, 11. September 1999, unter dem Titel: „An die Grenzen der Wahrheit gestoßen“.