Steckbrief einer Jägerin

Oktober 2020 - zwei Dackel sind neben Tasche und Stiefel abgelegt.

 

 

 

Steckbrief einer Jägerin

 

Eigentlich wollte sie nur Streusalz kaufen.

 

Die Straßen waren glatt, es schneite immer wieder, und sie zog ihre trittsicheren, rustikalen wirkenden Haferl-Stiefel an. Denn wegen der Glätte ging sie lieber zu Fuß anstatt mit dem Auto zu fahren.

Sie hängte sich ihre praktische Umhängetasche um, die etwas heller sandfarben als ihre Haferlstiefel war und durch dunkle Nieten und Schnallen  ebenfalls rustikal wirkte.

 

Auf dem Weg zum Supermarkt ging eine Frau vor ihr, die einen Rauhhaardackelrüden an der Leine führte, und sie dachte: „Sie traut sich, ihren Dackel bei diesen frostigen Temperaturen mitzunehmen“.

Denn sie selber hatte ihren eigenen Rauhhaardackelrüden wegen der eisigen Kälte doch lieber Zuhause gelassen.

 

Sie ging an der Frau vorbei, als diese mit ihrem Dackel stehen geblieben war und die Hundeleine um einen Pfosten wickelte, und sie hörte, wie die Frau zu ihrem Dackelrüden sagte: „Hoffentlich nimmt dich keiner mit“.

 

Das wirkte wie ein Stichwort.

 

Sie drehte sich zu der Frau um und sagte: „Das ist auch immer meine Angst, wenn ich mit meinem Rauhhaardackel unterwegs bin.“

 

„Ich will nur ganz schnell Hundefutter kaufen. Würden Sie vielleicht in dieser Zeit auf ihn aufpassen? Er heißt Maxi“.

 

Natürlich paßte sie auf Maxi auf.

 

Die Sorge der Dackelbesitzerin kannte sie ja nur zu gut aus eigener Erfahrung.

 

Maxi gehorchte, als sie „sitz“ sagte und schmiegte seinen Kopf an ihre Beine und ließ sich von ihr kraulen, als sie sich neben ihn hinhockte.

Jeder, der an ihnen vorbei ging, lächelte oder schmunzelte.

 

Ein Ehepaar blieb stehen. Der Mann sagte: „Sie sind bestimmt Jägerin.“

 

 „Ich bin nur die Dackelsitterin“, sagte sie lachend, „er gehört mir gar nicht. Ich habe zwar auch einen Rauhhaardackel, aber eine Jägerin bin ich nicht.

 

Nun lachte das Ehepaar auch und der Mann erklärte: „Es hat einfach alles gepaßt - der Rauhhaardackel, die Stiefel und die Tasche.“

 

©Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Dezember 2016

 

 


Lebensnotwendig. Eine Fabel.

 Dagmar Braunschweig-Pauli Trier, Himmelfahrt 2006

 

Lebensnotwendig. Eine Fabel.

 

Ein Bauer hatte eine große Viehherde und einen tiefen Fischteich.

Ein Knecht kam zu ihm und sagte: ,,Die gefleckte Kuh schreit. Was soll ich tun?"

,,Wahrscheinlich hat sie Durst. Gib ihr einen Eimer voll Wasser. Ohne Wasser kann man nicht leben, das ist lebensnotwendig".

,,'Wenn Wasser so lebensnotwendig ist, warum soll ich ihr dann nur einen Eimer Wasser geben? Und warum nur ihr allein und nicht den anderen Kühen auch?", dachte der Knecht und er trieb alles Vieh zusammen und geradewegs in den tiefen Teich hinein.

Die Kühe versanken sofort im Wasser und ertranken alle.

 

Entsetzt lief der Knecht zum Bauern und berichtete ihm von diesem Unglück.

 

,,Wie konntest du das tun?" schimpfte der Bauer. Du solltest doch nur die eine Kuh tränken, und nicht alle, und schon gar nicht alle ins Wasser treiben. Nun sind die Kühe im Wasser ertrunken, weil sie keine Luft mehr bekamen. Aber ohne Luft können sie nicht leben, Luft ist lebensnotwendig!"

 

,,Gut, nun ist also Luft lebensnotwendig", murrte der Knecht, ,,vorhin war es noch das 'Wasser".

Und er ging zu dem Teich, fischte mit einem Netz alle Fische heraus und legte sie auf die Wiese in die Sonne. Die Fische krümmten sich und schnappten mit ihren Mäulern in höchster Not um sich und starben alle.

 

Wieder lief der Knecht entsetzt zum Bauern und berichtete ihm auch von diesem neuen Unglück.

 

,,Wie konntest du das tun?", der Bauer war aufgebracht. Für die Fische hattest du gar keinen Auftrag gehabt. Du hast sie ohne Grund aus dem Wasser geholt, und nun sind die Fische an der Luft erstickt. Das Wasser ist ihr Lebensraum, ohne Wasser können sie nicht leben."

 

Da wurde auch der Knecht auch ärgerlich und er rief: ,,Was ist denn nun lebensnotwendig, das Wasser oder die Luft?"

 

,,Beides, Wasser UND Luft sind lebensnotwendig“, sagte der Bauer, ,,aber jedes in dem Maße, in dem es für das einzelne Lebewesen richtig ist. Für die Kühe ist Wasser lebensnotwendig, aber nur zum Trinken, ganz im Wasser können sie nicht leben, weil ihnen dort die Luft zum Atmen fehlt und sie dort aus Luftmangel ersticken.

Für die Fische ist Wasser lebensnotwendig um darin zu leben, aber außerhalb des Wassers können sie nicht leben, dann ersticken sie an der Luft.

 

,,Wie kann ich aber herausfinden, was ich tun muß, um nicht wieder solche Fehler zu machen?" fragte der Knecht.

 

,,Betrachte immer das Ganze in seiner natürlichen Umgebung, nie nur einen einzelnen Teil, und behandele Jedes nach seinem eigenen Bedarf'. Wenn du das getan und nur die eine Kuh nach ihrem Bedarf getränkt hättest, wäre ihr den anderen Kühen und den Fischen, um die du dich ohne Bedarf gekümmert hast, nichts passiert. Auch hast du die Kühe aus ihrer natürlichen Umgebung - der Weide - herausgerissen, und ebenso die Fische aus ihrem Lebensraum, dem Wasser, weil du zuerst nur auf das Wasser und dann nur auf die Luft. als einzig lebensnotwendig fixiert warst. Damit hattest du das Ganze in seiner natürlichen Umgebung aus den Augen verloren.

 

Es ist immer falsch, eine Sache nur als Einzelnes zu betrachten und sie nicht in ihrem ganzen, natürlichen  Zusammenhang zu sehen.

©Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Himmelfahrt 2006.