Wintergeschichten

Foto: Dagmar Braunschweig-Pauli: Verschneiter Grüneberg in Trier

 

Schmierseife.

 

 

Schmierseife.

Eine kleine Wintergeschichte.

 

Meine kleine Wintergeschichte beginnt im Sommer.

 

Sie hatte die Hecke wie immer per Hand mit ihrer Heckenschere geschnitten und schob nun den großen Umzugskarton, in den sie den Heckenschnitt nach und nach einsammelte, mit einem Fuß vor sich her.

 

Es war praktischer und für sie auch leichter, den Karton mit dem Heckenschnitt in den Garten zu bringen, als die Schubkarre zwischen Bürgersteig und Komposthaufen hin- und her zu fahren.

 

Nun stand sie vor ihrem Morgenwerk, einem Bürgersteig voller Heckenschnitt, und schaute zufrieden über den mit Grünzeug übersäten Fußweg.

 

Sie beugte sich hinunter und schaufelte die abgeschnittenen Heckenzweige in den Karton.

 

In diesem Moment bog ein Fahrzeug der Stadtreinigung um die Ecke, bremste abrupt neben ihr ab, und der Fahrer rief ihr zu: „Das kann ich mitnehmen.“

„Das ist ja toll“, antwortete sie erfreut und sah ihm zu, wie er ihren gesamten Heckenschnitt auf sein Reinigungsfahrzeug schüttete.

 

Ehe er weiterfuhr, sagte er: „Ein Frage habe ich noch: Ich soll für meine Frau Schmierseife besorgen. Wissen Sie, wo ich die hier finden kann?“

„Ja“, antwortete sie, „im Edeka, da ist Schmierseife gleich am Anfang des Drogerie-Regals einsortiert.“

 

Nach dem ersten Schneefall beeilte sie sich morgens noch vor dem Frühstück, daß sie hinauskam, um den Bürgersteig vom Schnee zu räumen.

 

Aber als sie vors Haus trat, war ihr Bürgersteig schon geräumt.

Sie stand da, schaute sich die erfreuliche Bescherung an und wunderte sich.

„Ich scheine ein Heinzelmännchen zu haben“, dachte sie und lächelte über diesen Gedanken.

 

Es schneite wieder sehr stark und sie hatte gerade angefangen, den frisch gefallen Schnee vom Bürgersteig zu kehren.

Da bog ein Streufahrzeug der Stadtreinigung um die Ecke, bremste, wendete, und kam, langsam auf ihrem Bürgersteig fahrend und Streusalz verstreuend, auf sie zu.

 

Der Fahrer stieg aus, grüßte freundlich, und sagte: „Sie haben mir doch gesagt, wo ich Schmierseife finden kann.“

„Ja“, bestätigte sie überrascht und musste lachen, weil sie sich wieder an die Situation mit der Schmierseife und natürlich an den freundlicherweise mitgenommenen Heckenschnitt erinnerte.

 

„Die Schmierseife hat meiner Frau sehr geholfen,“ erklärte er, grüßte freundlich und fuhr – immer noch auf ihrem Bürgersteig Streusalz streuend – davon.

 

©Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., 2018

 

 

 

 

Der Hackklotz

 

 

 

Foto: Dagmar Braunschweig-Pauli, 2021.

 

 

Der Hackklotz

 

Zugegeben: Gartenarbeit war nicht ihr Ding.

Und Holzhacken war schon gar nicht ihre Spezialität.

 

Außerdem durfte sie es seit seinem 18. Geburtstag auch gar nicht mehr.

Von dem Tag an nahm er ihr sozusagen die Axt aus der Hand und war nur noch allein für das Feuerholz zuständig, d.h. er zerkleinerte von da an die großen Holzscheite mit der Axt zu handlichen, für den Holzofen passendende Holzstücken, schichtete sie in den großen Weidenkorb, und stellte ihn griffbereit neben den gusseisernen Ofen.

Das war immer ein heimeliges Bild.

Und Anheizen konnte sie natürlich auch zu jeder Zeit, wenn ihr danach war.

 

Zum ersten Mal seit 2 Jahren war der Holzkorb neben dem Ofen leer.

Also musste sie diesmal zum Anheizen  wieder selber zur Axt greifen und Kleinholz zum Anfeuern hacken.

 

Sie setzte sich die Brille auf – gegen herumfliegende Holzstückchen – und zog sich die Handschuhe an – gegen Holzsplitter beim Holzaufheben - , nahm die bereit liegende Axt und stellte das erste Holzscheit auf den Hackklotz.

 

Es war ein knorriger Holzklotz – bedeutend dicker und größer als die anderen Holzscheite – mit rauer, borkiger Rinde.

 

Der Hackklotz war sozusagen das erste eigene Produkt aus ihrem Garten: es hatte ein Baum gefällt werden müssen, und aus dem Baumstumpf hatte ihr Herr B. diesen Hackklotz gesägt.

Irgendwie war es dann ihr Hackklotz geworden.

Immerhin hatte sie zwei Winter lang auf ihm das Feuerholz für ihren Holzofen gehackt, das verbindet.

 

Sie hatte die Tagesportion Holz schon gehackt, als er zu ihr auf die Terrasse trat.

 

Er schaute auf die zerkleinerten Holzstücke und den Hackklotz und fragte mit kleinem Schmunzeln in den Augenwinkeln: „Sag bloß, du hast dieses Holzstück als Hackklotz benutzt?“

„Selbstverständlich! Das ist doch mein Hackklotz! Den hat mir Herr B. doch aus unserer abgesägten Buche zurecht gesägt.“

 

Er lachte schallend: „Willst du mir wirklich dieses Stück Holz als deinen Hackklotz verkaufen?“

„Erstens war das keine Buche, die Herr B. bei uns abgesägt hat, sondern eine Kastanie.

Zweitens ist dieses Stück Holz aus Eiche – das sieht man schon an der Rinde.

Und drittens habe ich unseren Hackklotz letztes Jahr versehentlich gespalten, danach aber absichtlich weiter zerkleinert.

Und wir haben ihn längst verheizt.“

 

 

 

©by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., 2009.


Foto: Dagmar Braunschweig-Pauli 2018

Steckbrief einer Jägerin

Oktober 2020 - zwei Dackel sind neben Tasche und Stiefel abgelegt.

 

  

Steckbrief einer Jägerin

 

Eigentlich wollte sie nur Streusalz kaufen.

 

Die Straßen waren glatt, es schneite immer wieder, und sie zog ihre trittsicheren, rustikal wirkenden Haferl-Stiefel an. Denn wegen der Glätte ging sie lieber zu Fuß anstatt mit dem Auto zu fahren.

Sie hängte sich ihre praktische Umhängetasche um, die etwas heller sandfarben als ihre Haferlstiefel war und durch dunkle Nieten und Schnallen  ebenfalls rustikal wirkte.

 

Auf dem Weg zum Supermarkt ging eine Frau vor ihr, die einen Rauhhaardackelrüden an der Leine führte, und sie dachte: „Sie traut sich, ihren Dackel bei diesen frostigen Temperaturen mitzunehmen“.

Denn sie selber hatte ihren eigenen Rauhhaardackelrüden wegen der eisigen Kälte doch lieber Zuhause gelassen.

 

Sie ging an der Frau vorbei, als diese mit ihrem Dackel stehen geblieben war und die Hundeleine um einen Pfosten wickelte, und sie hörte, wie die Frau zu ihrem Dackelrüden sagte: „Hoffentlich nimmt dich keiner mit“.

 

Das wirkte wie ein Stichwort.

 

Sie drehte sich zu der Frau um und sagte: „Das ist auch immer meine Angst, wenn ich mit meinem Rauhhaardackel unterwegs bin.“

 

„Ich will nur ganz schnell Hundefutter kaufen. Würden Sie vielleicht in dieser Zeit auf ihn aufpassen? Er heißt Maxi“.

 

Natürlich paßte sie auf Maxi auf.

 

Die Sorge der Dackelbesitzerin kannte sie ja nur zu gut aus eigener Erfahrung.

 

Maxi gehorchte, als sie „sitz“ sagte und schmiegte seinen Kopf an ihre Beine und ließ sich von ihr kraulen, als sie sich neben ihn hinhockte.

Jeder, der an ihnen vorbei ging, lächelte oder schmunzelte.

 

Ein Ehepaar blieb stehen. Der Mann sagte: „Sie sind bestimmt Jägerin.“

 

 „Ich bin nur die Dackelsitterin“, sagte sie lachend, „er gehört mir gar nicht. Ich habe zwar auch einen Rauhhaardackel, aber eine Jägerin bin ich nicht.

 

Nun lachte das Ehepaar auch und der Mann erklärte: „Es hat einfach alles gepaßt - der Rauhhaardackel, die Stiefel und die Tasche.“

 

©Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Dezember 2016

 

 


Lebensnotwendig. Eine Fabel.

 Dagmar Braunschweig-Pauli Trier, Himmelfahrt 2006

 

Lebensnotwendig. Eine Fabel.

 

Ein Bauer hatte eine große Viehherde und einen tiefen Fischteich.

Ein Knecht kam zu ihm und sagte: ,,Die gefleckte Kuh schreit. Was soll ich tun?"

,,Wahrscheinlich hat sie Durst. Gib ihr einen Eimer voll Wasser. Ohne Wasser kann man nicht leben, das ist lebensnotwendig".

,,'Wenn Wasser so lebensnotwendig ist, warum soll ich ihr dann nur einen Eimer Wasser geben? Und warum nur ihr allein und nicht den anderen Kühen auch?", dachte der Knecht und er trieb alles Vieh zusammen und geradewegs in den tiefen Teich hinein.

Die Kühe versanken sofort im Wasser und ertranken alle.

 

Entsetzt lief der Knecht zum Bauern und berichtete ihm von diesem Unglück.

 

,,Wie konntest du das tun?" schimpfte der Bauer. Du solltest doch nur die eine Kuh tränken, und nicht alle, und schon gar nicht alle ins Wasser treiben. Nun sind die Kühe im Wasser ertrunken, weil sie keine Luft mehr bekamen. Aber ohne Luft können sie nicht leben, Luft ist lebensnotwendig!"

 

,,Gut, nun ist also Luft lebensnotwendig", murrte der Knecht, ,,vorhin war es noch das 'Wasser".

Und er ging zu dem Teich, fischte mit einem Netz alle Fische heraus und legte sie auf die Wiese in die Sonne. Die Fische krümmten sich und schnappten mit ihren Mäulern in höchster Not um sich und starben alle.

 

Wieder lief der Knecht entsetzt zum Bauern und berichtete ihm auch von diesem neuen Unglück.

 

,,Wie konntest du das tun?", der Bauer war aufgebracht. Für die Fische hattest du gar keinen Auftrag gehabt. Du hast sie ohne Grund aus dem Wasser geholt, und nun sind die Fische an der Luft erstickt. Das Wasser ist ihr Lebensraum, ohne Wasser können sie nicht leben."

 

Da wurde auch der Knecht auch ärgerlich und er rief: ,,Was ist denn nun lebensnotwendig, das Wasser oder die Luft?"

 

,,Beides, Wasser UND Luft sind lebensnotwendig“, sagte der Bauer, ,,aber jedes in dem Maße, in dem es für das einzelne Lebewesen richtig ist. Für die Kühe ist Wasser lebensnotwendig, aber nur zum Trinken, ganz im Wasser können sie nicht leben, weil ihnen dort die Luft zum Atmen fehlt und sie dort aus Luftmangel ersticken.

Für die Fische ist Wasser lebensnotwendig um darin zu leben, aber außerhalb des Wassers können sie nicht leben, dann ersticken sie an der Luft.

 

,,Wie kann ich aber herausfinden, was ich tun muß, um nicht wieder solche Fehler zu machen?" fragte der Knecht.

 

,,Betrachte immer das Ganze in seiner natürlichen Umgebung, nie nur einen einzelnen Teil, und behandele Jedes nach seinem eigenen Bedarf'. Wenn du das getan und nur die eine Kuh nach ihrem Bedarf getränkt hättest, wäre ihr den anderen Kühen und den Fischen, um die du dich ohne Bedarf gekümmert hast, nichts passiert. Auch hast du die Kühe aus ihrer natürlichen Umgebung - der Weide - herausgerissen, und ebenso die Fische aus ihrem Lebensraum, dem Wasser, weil du zuerst nur auf das Wasser und dann nur auf die Luft. als einzig lebensnotwendig fixiert warst. Damit hattest du das Ganze in seiner natürlichen Umgebung aus den Augen verloren.

 

Es ist immer falsch, eine Sache nur als Einzelnes zu betrachten und sie nicht in ihrem ganzen, natürlichen  Zusammenhang zu sehen.

©Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Himmelfahrt 2006.