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" ... wie der Frühling in der Toscana!"

Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., 2002

 

Buchrezension  zum neuesten Stand der Sterbeforschung

 

                                 „...wie der Frühling in der Toscana!“

 

Lieber Freund,“ sagte der priesterliche Leidensgenosse zu seinem jüngeren Kollegen, der ebenfalls sehr schwer an Krebs erkrankt war,“ was fürchten wir uns denn vor dem Tode? Das Leben danach – das ist doch wie der Frühling in der Toscana!“

 

Beiden Theologen, dem jüngeren wie dem älteren, ist diese Verheißung inzwischen wohl in Erfüllung gegangen, glaubt man denjenigen Menschen, die nach ihrer Todeserfahrung doch wieder ins irdische Leben zurückgefunden haben.

Wer eine solche sogenannte Nahtoderfahrung (=NTE) hinter sich hat, die nur wenige Sekunden bis Minuten dauert, der berichtet von einer paradiesisch schönen Umgebung, in der unser eben zitierter Priester seinen toscanischen Frühling wiederentdeckt haben mag, und der erzählt von einem unvorstellbar strahlendem Licht, von dem eine alles durchdringende, allumfassende Liebe ausgeht: „...Ich kam einfach nur plötzlich in dieses wunderbare helle Licht. Es ist schwierig zu beschreiben, eigentlich ist es unmöglich, es zu beschreiben. Nicht mit Worten. Es ist, als wäre man eins mit dem Licht. Ich könnte sagen: Ich war Frieden, ich war Liebe, ich war Helligkeit, sie war ein Teil von mir...es ist wunderbar.“

Zu diesem Lichterlebnis kommt eine Art Lebenspanorama, das einem das eigene Leben, von der Geburt bis zum Tode – geradezu in photographischer Genauigkeit – noch einmal vor Augen führt, wobei alle Betroffenen die neu gewonnene Fähigkeit betonen, erkennen zu können, was im Leben wirklich zählt und wichtig ist.

 

Für viele Menschen mit NTE führte der Weg zum Licht durch einen Tunnel, weswegen diese spezielle Erfahrung auch Tunnelerlebnis genannt wird. Waren sie nach der Passage des Tunnels dann im Licht angekommen, wurden sie von Seelen umringt, die sie in jeder Hinsicht menschlich begrüßten: lachend, freundlich, hilfsbereit, dem Ankömmling den Übergang in seine neue Existenz erleichternd.

Wiederbelebte berichten auch, in einigen dieser Seelen liebe, bereits verstorbene Angehörige und Freunde wiedererkannt zu haben.

Einer sagte: “Ich sah meine Schwester als junges, schönes Mädchen, und sie strahlte mich an.“ Was derjenige zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: seine hochbetagte Schwester war an demselben Tage gestorben, an dem er die Nahtoderfahrung gemacht hatte.

 

Viele Berichte gibt es auch darüber, dass reanimierte Menschen urplötzlich über Fähigkeiten berichten, die sie nie in ihrem irdischen Leben erlernt hatten. Ein als realistisch bekannter promovierter Philosoph und Journalist sagte: „Auf einmal rezitierte ich italienische Gedichte in einem altertümlichen Italienisch, wie mir die Ärztin bestätigte, die das miterlebt hat. Dabei kann ich gar kein italienisch.“

 

Nahezu in allen Religionen und Kulturen gibt es die Vorstellung, dass  eine Form des seelischen und geistigen Weiterlebens nach dem Tode existiert, und Berichte und Hinweise auf paradiesische Landschaften, auf das  große, alle Liebe und Energie umfassende Licht, das den Toten im Jenseits empfängt, und Berichte über ein Wiedersehen mit den geliebten Angehörigen finden sich überall auf der Welt.

 

Diejenigen, die in der Lage sind, diesen NTE –Erlebnissen zu glauben, finden in ihnen einen großen Trost, um den Verlust eines Menschen zu verarbeiten. Denn sie haben begriffen, dass der Tod zwar den Verzicht auf die körperliche Gemeinschaft mit dem geliebten Menschen bedeutet, nicht aber den Verzicht auf die geistige und seelische Gemeinschaft mit ihm.

 Papst Johannes Paul II. sagte im Oktober 1998 in einer Generalaudienz im Vatikan zum Leben nach dem Tode: „Man darf allerdings nicht glauben, dass das Leben nach dem Tode erst mit der endzeitlichen Auferstehung beginnt... Es handelt sich um eine Übergangsphase, bei welcher der Auflösung des Leibes die Fortdauer und Subsistenz eines geistigen Elementes gegenübersteht, das mit Bewusstsein und  Willen ausgestattet ist, so dass das „Ich des Menschen“ weiterbesteht, wobei es freilich in der Zwischenzeit seiner vollen Körperlichkeit entbehrt.“

 

In die gegenwärtige Welt unserer auf „Machbarkeit“ reduzierten Medizin passen diese Erfahrungsberichte – und auch die Stellungnahme des Papstes – jedoch nicht hinein. Erzählen reanimierte Patienten von ihren außerkörperlichen Erfahrungen, werden diese entweder als Halluzinationen, Nebenwirkungen (!) von Medikamenten oder Sauerstoffmangel erklärt, oder, noch schlimmer, der Patient wird als „nun spinnt er aber wirklich“ nicht ernst genommen.

Ein Akademiker sagte mir: „Mit den jüngeren Ärzten konnte ich über meine Erlebnisse im Tode nicht reden, aber mit der älteren Krankenschwester, die schon öfter solche Dinge miterlebt hat.“ Und „wenn ich Ihnen das erzähle, was ich erlebt habe, würden Sie mir kein Wort glauben!“

 

Obwohl das Thema Tod und Todeserfahrung in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, begannen vor etwa 25 Jahren die Pioniere der Sterbeforschung, Raymond Moody und Elisabeth Kübler-Rosss, die ihnen mitgeteilten Nahtoderfahrungen, Tunnelerlebnisse, Nachtodkontakte und Sterbevisionen zu sammeln, zu dokumentieren und mit wissenschaftlichen  Methoden zu untersuchen.

Weil sie die Frage zuließen: „Was geschieht, wenn wir sterben?“  trafen

sie auf ein großes allgemeines Bedürfnis der weltweit auf über 50 Millionen geschätzten Menschen mit NTE, was die Entstehung einer international anerkannten Sterbeforschung, die Hospizbewegung – auch in Deutschland – und eine immer umfangreicher werdende Literatur zu diesem Thema zur Folge hatte. Und das Interesse an dieser Literatur beschränkt sich mittlerweile nicht nur auf diejenigen Menschen, die schon eine NTE hinter sich haben, sondern auch sozusagen noch Sterbeunerfahrene wenden sich – gedrängt durch Diskussionen wie diejenige über die Sterbehilfe – der Sterbeforschung zu.

 

Denn die Konsequenz aus den NTEs, bei denen Menschen wieder zurück in ihr irdisches Dasein geschickt wurden, ist die, dass der Tod, der endgültige Tod, der zum Übergang in die ewige Existenz führt, nicht machbar ist. Für ihn gibt es nur einen einzigen, geeigneten Zeitpunkt, der außerhalb jeder menschlichen Machtbefugnis liegt, weswegen jeder künstlich herbeigeführte Tod, z.B. Sterbehilfe oder Selbstmord, unakzeptierbar ist.

 

In einer überzeugenden und gleichzeitig faszinierenden Dokumentation fasst Bernhard Jakoby, Dozent für Sterbeforschung, die Forschungsergebnisse der modernen Sterbeforschung, in seinen Veröffentlichungen „Auch Du lebst ewig“ und „Das Leben danach“ zusammen, und gibt hilfreiche Anhaltspunkte und Adressen von Selbsthilfegruppen, an die Betroffene sich wenden können, um angehört und ernst genommen zu werden.

 

Frau Dr. Elisabeth Kübler-Ross schreibt in ihrem Vorwort  zur ersten Veröffentlichung anerkennend: „Als ich ...das überarbeitete Manuskript von „Auch Du lebst ewig“ gelesen habe, kann ich nur sagen: „Ein wunderbares Buch.“

 

Bernhard Jakoby: Auch Du lebst ewig. Die Ergebnisse der modernen Sterbeforschung. Langen Müller Verlag in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2000, 223 Seiten, ISBN 3-7844-2775-8

 

Derselbe: Das Leben danach. Was mit uns geschieht, wenn wir sterben. Langen Müller Verlag in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2001, 237 Seiten, ISBN 3- 7844-2832 – 0.

 Copyright by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., 2002.