Unterhaltung

 

Lebensnotwendig. Eine Fabel.

 

Dagmar Braunschweig-Pauli Trier, Himmelfahrt 2006

 

 

Lebensnotwendig. Eine Fabel.

 

Ein Bauer hatte eine große Viehherde und einen tiefen Fischteich.

 

Ein Knecht kam zu hm und sagte: ,,Die gefleckte Kuh schreit. Was soll ich tun?"

 

,,Wahrscheinlich hat sie Durst. Gib ihr einen Eimer voll Wasser. Ohne Wasser kann man nicht leben, das ist lebensnotwendig".

 

,,Wenn Wasser so lebensnotwendig ist, warum soll ich ihr dann nur einen Eimer Wasser geben? Und warum nur ihr allein und nicht den anderen Kühen auch?", dachte der Knecht und er trieb alles Vieh zusammen und geradewegs in den tiefen Teich hinein.

Die Kühe versanken sofort im Wasser und ertranken alle.

 

Entsetzt lief der Knecht zum Bauern und berichtete von diesem Unglück.

 

,,Wie konntest du das tun?" schimpfte der Bauer. Du solltest doch nur die eine Kuh tränken, und nicht alle, und schon gar nicht alle ins Wasser treiben. Nun sind die Kühe im Wasser ertrunken, weil sie keine Luft mehr bekamen. Aber ohne Luft können sie nicht leben, Luft ist lebensnotwendig!"

 

,,Gut, nun ist also Luft lebensnotwendig", murrte der Knecht, ,,vorhin war es noch das 'Wasser".

 

Und er ging zu dem Teich, fischte mit einem Netz alle Fische heraus und legte sie auf die Wiese in die Sonne.

Die Fische krümmten sich und schnappten mit ihren Mäulern in höchster Not um sich und starben alle.

 

Wieder lief der Knecht entsetzt zum Bauern und berichtete ihm von diesem neuen Unglück.

 

,,Wie konntest du das tun?", der Bauer war aufgebracht. Für die Fische hattest du gar keinen Auftrag gehabt. Du hast sie ohne Grund aus dem Wasser geholt, und nun sind die Fische an der Luft erstickt. Das Wasser ist ihr Lebensraum, ohne Wasser können sie nicht leben."

 

Da wurde auch der Knecht ärgerlich und er rief:  ,,Was ist denn nun lebensnotwendig, das Wasser oder die Luft?"

 

,,Beides, Wasser UND Luft sind lebensnotwendig“, sagte der Bauer, ,,aber jedes in dem Maße, in dem es für das einzelne Lebewesen richtig ist. Für die Kühe ist Wasser lebensnotwendig, aber nur zum Trinken, ganz im Wasser können sie nicht leben, weil ihnen dort die Luft zum Atmen fehlt und sie dort aus Luftmangel ersticken.

Für die Fische ist Wasser lebensnotwendig um darin zu leben, aber außerhalb des Wassers können sie nicht leben, dann ersticken sie an der Luft.

 

,,Und wie kann ich herausfinden, was ich tun muß, um nicht wieder solche Fehler zu machen?" fragte der Knecht.

 

,,Betrachte immer das Ganze in seiner natürlichen Umgebung, nie nur einen einzelnen Teil, und behandele Jedes nach seinem eigenen Bedarf'. Wenn du das getan und nur die eine Kuh nach ihrem Bedarf getränkt hättest, wäre den anderen Kühen und den Fischen, um die du dich ohne Bedarf gekümmert hast, nichts passiert.

Auch hast du die Kühe aus ihrer natürlichen Umgebung - der Weide - herausgerissen, und ebenso die Fische aus ihrem Lebensraum, dem Wasser, weil du zuerst nur auf das Wasser und dann nur auf die Luft. als einzig lebensnotwendig fixiert warst. Damit hattest du das Ganze in seiner natürlichen Umgebung aus den Augen verloren.

 

Es ist immer falsch, Dinge nur als Einzelnes und nicht im ganzen,

natürlichen Zusammenhang zu sehen."

 

 

©Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Himmelfahrt 2006.

 


 

Rolf Ersfeld „Paul und die Herbstzeitlose”, ILVerlag 2016.

 

 

Die Liebe ist ein Mosaik

 

 

 

„Die Liebe ist ein Mosaik, bei dem jedes noch so kleine Teilchen passen muss, um das Gesamtwerk zu vollenden“, damit eine ideale Balance zwischen zwei Menschen entstehen kann. „Noch so kleine Teilchen“ dieser im Mosaik gegenwärtigen Balance sind „Vertrauern und Toleranz, Leidenschaft und Ruhe, Reife und Jugend, Besonnenheit und Impulsivität.“ Genau so, wie Paul es gerade mit  seiner Herbstzeitlosen erlebte, und „wie ich sie mir nie hätte vorstellen können.“

 

 

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Aber auch Kathi, die Herbstzeitlose, hatte es kaum für möglich gehalten, jemals einen Moment solchen fast zeit- und schwerelosen Glücks zu erleben – und ihn vielleicht über eine längere Zeitspanne hinweg festhalten zu dürfen. Spannungsträger - neben der dramatischen Handlung und den begeisternden Beschreibungen von Reisen und virtuosem Klavier- und Gitarrenspiel - ist die in drei Ebenen verlaufende Zeit im Roman „Paul und die Herbstzeitlose“. Die erste Gegenwart 2011 verharrt fast wie eine Art „ Basso Ostinato“* in den Kapiteln, während sich ihr die beiden Zeitstrahle von Pauls Vergangenheit zwischen 1965 – 2000 und Kathis Vergangenheit von 1985 – 2008 nähern. Alle drei Zeitebenen münden 2012 in Kathis und Pauls gemeinsame Gegenwart. Rolf Ersfelds Sprache verfügt über viele Register, auch behutsame, wenn man sonst kaum die richtigen Worte finden mag, humorvolle - „kulinarische Pleite“ - und schöpferische – „Lichterballett“. Und dann schließen sich zwei Kreise: der erste mit Paul und der Herbstzeitlosen, die ihre anfänglichen Rollen des Lebensretters und der Geretteten tauschen, und der zweite Kreis, an den man vielleicht gar nicht mehr gedacht hatte… ------------------------------ *Basso Ostinato - Bezeichnung für einen wiederkehrenden, beharrlichen Baß in der Musik

 

Copyright by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Trier, den 06.05.2018.